Der letzte Tag in Montréal

Eine kurze Sache in Bildern. Spannend war: Am ersten Tag knapp 13 Grad und super Wetter, am zweiten Schneestürmchen mit -3 und gut 5 – 10 cm Schnee in einer Nacht. So strub ist kanadisches Wetter.

Das Strassenschild ist für den grossen Bruder: Die Canadiens de Montréal, eine Hockeymannschaft, hat ihre eigene Strasse.

Die Kanadier und Eishockey

Als wir vorgestern in der Nähe des Centre Bell aus der Métro gestiegen sind, fanden wir uns in einer Welle aus Menschen in Club de Hockey Canadien-T-Shirts wieder. Dabei handelt es um die Canadiens de Montréal, der Heimmannschaft der Stadt. Das war Indiz eins, dass man in Kanada Eishockey ernster nimmt als jeden anderen Sport. Indiz zwei habe ich einige Wochen vorher gesehen: Bei einem wichtigen Spiel waren die Strassen leer und die Pubs voll. Für Tickets im Centre Bell muss man zwei bis drei Monate im Voraus resevieren, das heisst, es bleibt den meisten nur der Gang in die Bar. Das dritte Indiz: Mit Hockey spasst man hier nicht.

A., meine Klassenkameradin, lebt bei einer Gastfamilie. Der Gastvater ist ein Riesenfan der Toronto Maple Leafs. Diese wiederum sind die Erzfeinde der Canadiens, sie haben seit 1917 eine Fehde und bereits 791 Mal gegeneinander gespielt.

Lustig wie sie ist, wollte A. einen Witz machen und hat “Go, Habs, Go!” in den Staub auf dem Auto des Gastvaters gemalt, also Le Canadien angefeuert. Das war gar nicht lustig, der Gastvater hat ihr einen Abend lang die Leviten gelesen und danach nicht mehr mit ihr geredet. Am nächsten Wochenende bei einem Ausflug hat er sie sogar übel in den Schnee geschubst.

Gestorben ist vielleicht noch niemand wegen eines Hockeystreits, aber Spitalbesuche hat es deshalb schon gegeben. Also keine Witze über Eishockey hier.

Wir sind Mongolen

Letzte Woche ist I. hier angekommen, an meinem Geburtstag. Was für ein Geschenk! Daraufhin haben wir Montréal auf den Pfaden erkundet, die euch schon länger bekannt sind: Boulevard St-Lauren, Rue St-Denis, Rue Ste-Catherine. Aber was jetzt auch endlich geht: Schöne, feine Restaurants besuchen.

Eine solche Perle ist das “Little Sheep” Mongolian Hot Pot. Schaut euch nur die Fleischauswahl an, und ungefähr zwei Dutzend Gemüse, verschiedene Crevetten, Muscheln, Tofu und Pilze. Alles wird in eine Bouillon getunkt, das Fleisch nur drei bis vier Sekunden (!). Alles hat einen Einheitspreis, für ungefähr 20 Franken isst man, so viel man möchte. Dabei ist das Essen frisch, sauber, knackig, das Fleisch mit schön viel Fett und Geschmack. Nichts fühlt sich an, als sei es billig oder von minderer Qualität. Dazu frische Hausgemachte Nudeln oder Reis, eine Auswahl an Fleischkuchen und tausend andere Dinge, die wir noch nicht einmal ausprobiert haben.

Der Hammer. Wir waren schon zweimal dort zum Mittagessen und es ist noch nicht langweilig geworden.

Die zweite Entdeckung ist das Kinka Izakaya an der Ste-Catherine. Da servieren sie einem eine Art japanische Tapas, schön kleine Portionen von verschiedenen Köstlichkeiten. Es war nur extrem Laut da drinnen, so dass wir abhauen mussten. Das nächste Mal müsste ich die Ohrstöpsel mitnehmen.

Wir melden uns, wenn wir weitere schöne Dinge finden.

Tag drei im Lazarett

Vielleicht hätte ich heute wieder zur Schule gehen können, aber irgendwie war mein Grind noch nicht ganz brauchbar heute früh. Ausserdem rinnt er, vorne läuft ganz viel Wasser raus. Das ist im Unterricht weniger angenehm.

Also beginnt mein dritter Tag daheim mit gesundem Essen. In diesem Zusammenhang habe ich auch mal den veganen Käse-Ersatz von Daiya probiert. Den gibt es nur in Nordamerika und der Vegan Black Metal Chef schwört drauf, er macht sogar Saucen damit:

Jahrelang war ich neidisch, aber das war unbegründet: Das Zeug schmeckt genau so schlecht wie der kanadische Cheddar. Zwei hiesige Supermarkt-Cheddars hatte ich nämlich schon probiert, und beide hatten einen seltsam beissenden Chemie-Geschmack, etwas bitter-saures, kaum Käse-Aroma. Tatsächlich ist dieser Geschmack auch in den Daiya-Shreds.

Geschmackspunkte haben sie bei mir also schonmal nicht gesammelt, ich habe den ganzen Pseudokäse von meiner Sauce wegschaufeln müssen. Jetzt liegen die geschmolzenen Streifen da auf dem erkalteten Teller und werden langsam zu einer orangen Plastik-Statue in Form eines Hundehaufens.

Daiya Cheddar Shreds werden aus verschiedenen Aromastoffen, Mehl, Salz und essbarem Gummi gemacht. Ihr denkt, das kann nicht gut schmecken? Stimmt wohl. Andererseits: Wenn dieser seifig-bittere Geschmack wirklich das ist, was die Leute hier unter Käse verstehen, haben Daiya vielleicht alles richtig gemacht.

Die veganen Käse-Ersatzprodukte in der Schweiz waren zwar in meinen Augen besser, aber zu voll mit künstlichen Geschmacksstoffen, von denen wird mir schlecht. Die bei der Käseproduktion entstehenden Aromen sind wohl sehr komplex, es ist ja auch ein komplexer Prozess, das ist wohl nicht so einfach nachzubauen. Ein Bier zu synthetisieren ist ja auch noch niemandem gelungen.

Würde ich vegan leben wollen, wären mir diese ganzen Ersatzprodukte glaub ich viel zu doof. Dann gibts halt statt Käsesauce eine gewürzte Mischung aus Bouillon und Tahini oder sowas, das kann man für Dinge wie Falafel sowieso gut verwenden. Und fertigen veganen “Käse” gibt es auch aus gewürzten Nüssen, das kann unmöglich schlechter schmecken als Daiya.

Dafür muss ich sagen, ist die Schoko-Mandelmilch von Silk Almond wirklich super. Mandelmilch in der Schweiz ist manchmal dünnflüssig und man spürt den Mandelstaub fast noch auf der Zunge. Silk ist (wie wohl der Name schon andeuten soll) samtweich und schön dick und aromatisch. Und da wir hier nicht weit sind von den amerikanischen Mandelhainen (wo jedes Jahr Millionen von Bienen sterben, nie kann man etwas richtig machen), kostet Mandelmilch auch nicht das achtfache von Kuhmilch.

À propos Kuhmilch: Die Milch in Kanada kann man im Gegensatz zu der in den USA bedenkenlos trinken. Na ja, bis auf die Tatsache, dass auch Milchkühe Qualen unterworfen sind. Aber in den USA ist es einiges schlimmer, dort landen Hormone, Antibiotika und eine grössere Menge Eiter in der Trinkmilch. In Kanada ist es verboten, die Milch einer Kuh zu verwenden, die gerade Antibiotika nimmt oder ein entzündetes/eiterndes Euter hat. Deshalb sind die Farmer hier sehr darauf bedacht, ihre Tiere so zu halten, dass sie nicht permanent auf Antibiotika sein müssen.

In den USA gibt es lediglich weniger Geld, wenn ein Farmer Milch mit hohem Eitergehalt abliefert. Ab irgendeinem Grenzwert wird die Milch dann gar nicht mehr gekauft, dieser wird aber immer mal wieder angehoben, denn der amerikanische Konsument, dem kann man ja jeden Scheiss vorsetzen. Wachstumshormone sind in Kanada übrigens ebenfalls verboten.

Die Kanadier sind also doch die vernünftigeren Nordamerikaner. Trotz Cheddar.